Die Gemeinde Heilig Kreuz zu Weingarten
im Spiegel der Kirchenbücher des 18. Jahrhunderts
Von Friederike Kuhl


Die Begräbnisse
a) Das Sterberegister
b) Jährliche Begräbniszahlen und saisonale Schwankungen
c) Begräbnisse von Kindern
d) Kindersterblichkeit
e) Beispiele aus Weingartener Familien
f) Häufung von Sterbefällen in den Familien
g) Lebenserwartung
h) Todesursachen
i) Unglücksfälle und Begräbnisse Nichteinheimischer
j) Zusätzliche Angaben zu Verstorbenen
k) Bestattungen in der Pfarrkirche und von Pfarrern


d) Kindersterblichkeit


Die Kindersterblichkeit wurde mit Hilfe der Familienrekonstitution untersucht, aber es wurden nicht nur die 42 im demographischen Sinne "vollständigen" Familien zu dieser Untersuchung herangezogen 6, sondern, um eine breite untersuchungsgrundlage zu erhalten, alle Familien, bei denen das Heiratsdatum der Eltern bekannt ist, die lange in der Gemeinde gelebt und Kinder zur Taufe gebracht haben.

Im Register erscheint beim Begräbnis von Kindern oft nur der Name der Eltern, kein Vorname des Kindes, und es ist dann schwierig festzustellen, um welches Kind dieses Ehepaares es sich bei dem verstorbenen handelt. Manchmal sind aus späteren Familiendaten Rückschlüsse möglich, etwa, wenn später ein anderes Kind der Familie heiratet oder als Erwachsener stirbt. Aber die Anzahl der in einer Familie verstorbenen Kinder ist auf jeden Fall aus der Familienkarte ersichtlich, und darauf kommt es bei dieser Untersuchung an.

Da alle Untersuchungen in dieser Arbeit ohne EDV vorgenommen wurden, ist der Weg der namentlichen Methode mit Hilfe der Familienkartei als der einzig mögliche eingeschlagen worden, mit dem eine zuverlässige Auswertung des Quellenmaterials garantiert ist. Zwar werden nicht alle geborenen Kinder dabei erfaßt, aber von den 998 in unserem Untersuchungszeitraum geborenen Kindern machen die 764 in diese Untersuchung einbezogenen doch einen Anteil von 76,6 % aus, also drei Viertel. Wenn in der historischen Demographie mit vollständigen Familien gearbeitet wird, sind auch längst nicht alle Familien erfaßt.

Hier wurden Familien in die Untersuchung einbezogen, die nach Imhof dem Typ MF und den Gruppen MI, MIIa, MIIb und MI II angehören, d. h., Familien, bei denen das Heiratsalter bekannt und das Alter der Frau bekannt, ungefähr bekannt bzw. nicht bekannt ist. 7 Die vorzeitige Beendigung einer Ehe spielte keine Rolle, und es wurden auch Zweitehen mit berücksichtigt.


Tabelle 2: Säuglings- und Kindersterblichkeit in der Pfarre Heilig Kreuz und Vergleichsorten mit Bezug auf Geburten


Es handelt sich bei dieser Untersuchung um 764 Kinder. Die dabei errechnete Sterblichkeitsquote von 21,3 % weicht so weit von den für die damalige Zeit allgemein für realistisch gehaltenen etwa 50 % ab 8, daß man Grund hat anzunehmen, sie entsprechen nicht der Wirklichkeit. (s. Tab. 2) An dieser Stelle muß daher auf den Stand der Überlieferung in unseren Kirchenbüchern noch einmal eingegangen werden. Im Kapitel II, Taufen, wurde bereits darauf hingewiesen, daß erst 1755 zum ersten Mal das Begräbnis eines Kindes eingetragen wurde, das die Nottaufe erhalten hatte. 9 Das völlige Fehlen dieser Gruppe im Register bis 1755 senkt natürlich den Anteil der Säuglingssterblichkeit. - Bei der Bearbeitung der Begräbnisliste muß außerdem auffallen, daß in den 14 Jahren von 1775-1788 nur zweimal das Begräbnis eines Kindes verzeichnet wurde. Das kann auf keinen Fall der Wirklichkeit entsprochen haben. Diese Jahre umfassen genau die Amtszeit des Pfarrers Ignaz Cazzuola.

Auch dieser Tatbestand wirkt sich natürlich gravierend auf die Berechnungsergebnisse aus.

Wenn nach der langwierigen Untersuchungsarbeit ein Resultat erzielt wird, das kaum als der Wirklichkeit entsprechend oder gar für allgemeingültig erachtet werden kann, so muß es wohl lediglich als das einzig mögliche, das aus der Überlieferung der Kirchenbücher der Gemeinde Heilig Kreuz zu ermitteln ist, zur Kenntnis genommen und die offenkundigen Lücken in der Überlieferung müssen als Erfahrungstatsache gewertet werden.


Tabelle 3: Anteil der Säuglingssterblichkeit an der Kindersterblichkeit, Heilig Kreuz und Vergleichswerte


Rettinger 10 führt seine Untersuchung über Kindersterblichkeit nicht mit Hilfe der Familienkartei durch, sondern setzt die Sterbefälle unter den Kindern in Beziehung zur Gesamtzahl der Geburten "unter Vernachlässigung eines gewissen Fehlers, da Taufen und Begräbnisse nicht über alle Jahre gleichmäßig überliefert sind", wie er selbst schreibt. Auch im Gebiet Olm gab es also Probleme mit der Überlieferung. Aber der Anteil der gestorbenen Säuglinge an der Zahl der geborenen ist immerhin fast doppelt so groß wie in der Gemeinde Heilig Kreuz. (s. Tab. 2)

In der Tabelle 2 ist zum Vergleich der Anteil der Säuglingssterblichkeit in anderen Gemeinden, wie aus der Literatur zu entnehmen war, angegeben, u. a. auch aus Euskirchen vom Jahre 1910. 11 Es ist nicht denkbar, daß die Lebensbedingungen in der Gemeinde Heilig Kreuz im 18. Jahrhundert für das Überleben von Säuglingen und Kindern soviel besser waren als in anderen Gemeinden, daß sich die Unterschiede in der Sterblichkeitsquote damit erklären ließen.

Während die Tabelle 2 den Anteil der verstorbenen Kinder an den geborenen zeigt, gibt Tabelle 3 darüber Auskunft, wie groß der Anteil der gestorbenen Säuglinge, d. h. der Kinder im Alter bis zu einem Jahr, an der Gesamtzahl aller gestorbenen Kinder ist. Die Meinungen und Erfahrungen der Wissenschaftler gehen hier recht weit auseinander. Rettinger hat für das Gebiet Olm 42,9 % - 61,1 % errechnet und meint 12, die Säuglingssterblichkeit müßte "weit über 50% aller verstorbenen Kinder, jedoch unter 70 % - 73 %, die Roedel für Gonsenheim errechnet hat, liegen". 13 Die für die Gemeinde Heilig Kreuz errechneten 46 % für den Anteil der Säuglingssterblichkeit an der Kindersterblichkeit liegen somit an der unteren Grenze des Erfahrungsbereiches auch anderer Untersuchungen. Im Hinblick auf die dargestellte Problematik bei der Überlieferung kann daraus aber nur der Schluß gezogen werden, daß die Lückenhaftigkeit in den Registern sich nicht nur auf die Gruppe der Neugeborenen und die, die eine Nottaufe erhalten hatten, beschränkt, sondern auf die Begräbnisse von Kindern allgemein, denn sonst wäre der Anteil der Säuglinge an der Kindersterblichkeit nicht so hoch, wie auch anderswo nachgewiesen.

Zusätzlich zu den Untersuchungen zur Sterblichkeit der Altersgruppen von 0-1 Jahr und 1-10 Jahre wurden auch die Begräbnisse von 10-20jährigen ausgezählt, also der Jugendlichen bis etwa zum Heiratsalter, das durchschnittlich bei 25 Jahren lag. Die Zahl von 23 Sterbefällen in dieser Gruppe bedeutet einen Anteil von nur 3 % an den 764 der Untersuchung zugrunde liegenden Kindern. Mit dem Erreichen etwa des 10. Lebensjahres stiegen die Überlebenschancen also deutlich an.


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Entnommen: „1100 Jahre Wingarden“ - Kreuzweingarten 893-1993 - Mai 1993


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