Kreuzweingarten, 4. Dezember 1988

Festschrift zur Glockenweihe

Herausg. Kath. Kirchengemeinde Heilig Kreuz zu Kreuzweingarten











Die alten Glocken von Kreuzweingarten




Fritz Müller














Der folgende Beitrag von Fritz Müller ist dem Heimatbuch „Kreuzweingarten Rheder und Umgebung“ entnommen, die Photos sind nach Originalen von Herrn J. Regh angefertigt worden. Wir verdanken die freundliche Genehmigung des Abdruckes Herrn K. Naske.











Wieder hatte uns der Weg hinaufgeführt zum Burgberg, und wir standen hier oben unter dem Kreuz mit dem Blick auf das herrlich im Erfttal gelegene Dorf Kreuzweingarten. Wir wollten für kurze Zeit dem Straßenstaub und noch mehr dem Lärm der Motoren auf der Bundesstraße, die den Ort durchquert, aus dem Wege gehen. Ja, hier oben waren wir in der wohltuenden Stille des Waldes und empfanden deutlich die Gegensätzlichkeit der heutigen Tageshast mit der Besinnlichkeit vergangener Zeiten. Hier ließ es sich angenehm plaudern, und erfrischend wirkte die von Südwesten strömende herbe Eifelluft, während unser Blick nicht müde wurde, die landschaftliche Erhabenheit unserer Heimat in sich aufzunehmen.

Es ist ein Stimmungsbild von besonderer Einmaligkeit, welches sich von hier dem Beschauer darbietet und sich mit Worten kaum in der rechten Weise darstellen läßt. Aber das soll auch diesmal nicht der Sinn unserer Ausführungen sein, denn bald kam unser Gespräch über das Kreuz als Wahrzeichen des Weingartens des Heiligen Kreuzes und über die entzückende Anmut des Landschaftsbildes auf unsere drei altehrwürdigen Glocken, die soeben ihren ehernen Mund öffneten und die Bewohner des Dorfes zum Gottesdienst riefen. Tags zuvor hatten wir uns vom Küster den Schlüssel zum Glockenturm erbeten und waren die hohe, steile Leiter hinaufgestiegen bis ins mächtige Gebälk, wo unsere Heimatglocken seit Hunderten von Jahren ihren Platz behaupten.


Die alte Kreuzglocke aus dem Jahre 1398.


Originalgröße des Kreuzabdruckes auf der Kreuzglocke. Das Pfarrsiegel von Reinartz weist große Ähnlichkeit mit diesem Siegel auf.


Unsere Kreuzglocke aus dem Jahre 1398 ist eine der ältesten im linksrheinischen Kölner Bezirk. "Hoch oben in luftiger Höhe, entrückt allem Lärm des grauen Alltags, thront sie schon seit vielen Jahrhunderten. Könnte sie sprechen, erzählen! Was würde sie nicht alles zu plaudern haben! Eine mühsame Heimatforschung wäre wohl kaum noch notwendig. Geschlechter sah sie kommen und vergehen. Alle hat sie begleitet von der Wiege bis zum Grabe, sah frohe und von Schmerz gebeugte Menschen von ihrer Höhe herab, sah fromme Pilgerscharen von nah und fern heranwallen, um dem Heiligen Kreuz ihre Huldigung zu bezeigen, erlebte ruhige und vom Kriegslärm durchtobte Zeitläufte. Aber unbekümmert um alles irdische Geschehen richtet sie ihren Blick gegen Himmel, treu ihrer Pflicht gedenkend. .." (Aus der Festschrift zur Namens- und Weihefeier der Pfarre Kreuzweingarten.) Ihre Inschrift lautet:

„Zu Ehren des Heiligen Kreuzes,
im Jahre des Herrn 1398."

Auf dem Mantel erblicken wir zwei Reliefs. Das eine zeigt uns Sankt Georg zu Pferde im Kampf mit dem Drachen, das zweite ein Wappen mit zwei Glöcklein in Schrägstellung zueinander, getrennt durch eine Girlande mit einer Umschrift, darin lesbar das Wort "Hinrich ...", welches wahrscheinlich auf den Gießer Heinrich von Gerresheim hinweist.


Marienglocke 1477


Glockengießerzeichen auf der Marienglocke von 1477. Nach Pfarrer Nicola Reinartz handelt es sich um das Zeichen des Glockengießers Johan von Alfter, was Schaeben nicht ganz akzeptiert.


Wie eng steht ihr Klang im Zusammenhang mit jedem einzelnen Menschenschicksal vergangener und gegenwärtiger Geschlechter unseres Dorfes! Aber haben wir heute noch Zeit, einmal diesen Klang zu deuten? Es ist gut ein Jahrzehnt her, als mich einmal unser alter, kranker Pfarrer besuchte. Wir saßen in meinem Arbeitszimmer und unterhielten uns wie so oft über die Geschehnisse im Dorfe. Die Minuten verrannen schnell, und dann erklang die Glocke zum Abend-Angelus. Der Pfarrer brach das Gespräch ab und betete still nach frommer christlicher Sitte den Engel des Herrn. Diese Begebenheit haftet tief in meiner Erinnerung, so tief, wie mich damals auch der Klang gerade dieser alten Glocke berührt hat. Und eine Stelle vernahm ich zwischendurch recht deutlich in der andachtsvollen Stille: " ...mir geschehe nach deinem Worte." Frommer und bedeutungsvoller habe ich selten " beten " hören.

Unsere Marienglocke stammt aus dem Jahre 1477. Auf ihr ist zu lesen:

"Maria heiß ich, zur Ehre Gottes läute ich, Sankt Chrysant und Daria stimmt hier bei, nun sind der guten Namen drei. Den Lebenden rufen wir, die Toten beklagen wir.
Im Jahre des Herrn 1477."

Ein Firmenzeichen nennt uns als Gießer Johann von Alfter in Köln.


Die große Glocke, ganannt „Friedensglocke“ von 1649. Ihre Inschrift weist darauf hin, daß im alten Weingarten eine St.-Sebastianus-Bruderschaft bestanden hat.


Die Friedensglocke ist neben der kleineren Kreuz- und mittleren Marienglocke unsere größte und macht unser auf ais, gis und fis abgestimmtes Geläute vollständig, und niemand kann sagen, wie oft die christlichen Bewohner am Fuße des Kalvarienberges in Weingarten zur Feier des Heiligen Kreuzes gerufen wurden und gekommen sind. Ja, die Glocken rufen uns, die Lebenden, heute und morgen und immer, genau wie früher unsere Vorfahren, wenn auch inzwischen der Glöckner abgetreten ist und ein Druck auf den Schalterknopf das Geläute in Gang setzt. Sie rufen uns zusammen an hohen kirchlichen Feiertagen, an denen dann durch das "Beiern" die Festtagsstimmung besonders gekennzeichnet wird. Sie rufen auch dann noch, wenn wir glauben, "keine Zeit" zu haben zum Beten. Auch ist die Sprache ihrer metallenen Zungen erhaben über höchstes Menschenglück wie tiefinnerstes Menschenleid, bleibt gleich ehern beim Anruf des heiligmäßig Lebenden wie des Sünders.

Als Inschrift trägt diese größte Glocke :

"Sankt Maria heiße ich, zur Ehre Gottes und des Heiligen Kreuzes und der Sankt-Sebastian-Bruderschaft diene ich. Durch die Hilfe des Hubert Molitor aus Metternich, Schöffe in Arloff, und seiner früheren Ehefrau Maria sowie seiner jetzigen Frau Apollonia bin ich aus der zweiten zur ersten Glocke gemacht worden im Jahre 1649.
Claudius Lamiral hat mich gegossen."

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Auf dem Mantel sind ein reich verziertes Kreuz und zwei Wappenschilder: das des Dingstuhls Arloff, zu dem Weingarten gehörte, das andere mit den Anfangsbuchstaben der Stifternamen. Friedensglocke wird sie wohl genannt, weil sie ein Jahr nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges im Glockenstuhl der hiesigen Wallfahrtskirche ihren Platz erhielt. Aber ihr Ruf nach Frieden wurde in der Folgezeit nicht gehört, und so trägt sie heute ihr Kriegsmal besonderer Art.

Auf Anordnung der Regierung sollten im Kriegsjahr 1941/42 die beiden größeren Glocken zum Einschmelzen abgegeben werden. Die älteste, die Kreuzglocke, durfte bleiben. Da es sich bei den abzugebenden um historisch wertvolle Glocken handelte, wurde die Friedensglocke mit der Pfarre Köln-Poll, die Marienglocke mit der Nachbarpfarre Stotzheim ausgetauscht, die dafür ihre weniger wertvollen abgaben. Vertraglich war festgelegt worden, daß bei der Rückgabe die Pfarrgemeinde Kreuzweingarten für PoIl und Stotzheim je eine neue Glocke beschaffen müßte. Bei einem Fliegerangriff auf Köln wurde auch der Vorort PoIl betroffen. Der Kirchturm geriet in Brand, und unsere Glocke stürzte glühend vom Glockenstuhl herab. Dabei erhielt sie einen Riß in der Krone, der nach Rückkehr der Glocke am 10. September 1947 von hiesigen Handwerkern zunächst mit Hilfe von Bolzen behoben werden konnte. Im Laufe der folgenden Jahre aber vergrößerte sich der Sprung derart, daß er schließlich durch ein Spezialverfahren beseitigt werden mußte. Zum Dank für die treue Aufbewahrung und damit Erhaltung der Glocke hat die Pfarre Köln-PoIl vertragsgemäß eine neue erhalten, und es war ihr gestattet worden, in unserem Ort eine Geld- und Naturaliensammlung abzuhalten, deren Ertrag zum Wiederaufbau der Kirche verwendet werden sollte. Am 9. Januar 1948 kehrte auch die Marienglocke aus Stotzheim zurück. Soweit mir bekannt ist, fand sich die ursprüngliche Stotzheimer Glocke auf dem Hamburger Glockenfriedhof unversehrt wieder und kam somit auch in ihren Heimatort zurück.

So dürfen wir froh sein, mit unserer siebenhundert Jahre alten Kirche auch drei Glocken zu besitzen, die schon Jahrhunderte hindurch ihre Stimmen erhoben haben zum Lobe und zur Ehre des Gekreuzigten. Und wenn wir ihren Ruf vernehmen und zu deuten verstehen, wird sich gewiß auch Trost und Frieden in unsere Herzen ergießen.


Festschrift zur Glockenweihe vom 4. Dezember 1988
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